Woche 1

Nach den zwei Wochen Schwebezustand bin ich nun richtig froh, endlich in Freiheit zu leben, mich mit Öffis fortbewegen zu dürfen und wenigstens ein paar organisatorische Dinge zu erledigen. Am Sonntag, 16.08.2020 war die Quarantäne offiziell beendet und die Zeitrechnung kann beginnen. Tina hat mir einen Schlafplatz bei Lisa, einer Kollegin, und deren Freund Daniel organisiert. Ich bin so dankbar dafür, besonders, weil ich nicht alleine im Hotel hocke und ein paar total coole Leute um mich herum habe. Da ich noch keine Wohnung habe, muss ich erstmal weiter aus dem Koffer leben, hoffe aber, dass ich so schnell wie möglich etwas Passendes und Bezahlbares für mich finde.

Der Sonntag lief ganz entspannt ab. Henning hatte uns ein großes Taxi bestellt, weil wir beide in die gleiche Ecke, nämlich Eda, fahren mussten. Er konnte direkt sein möbliertes Appartment beziehen und ich bin noch drei Minuten weiter zu Lisa und Daniel gefahren. Das Taxi war schon relativ teuer, aber zu zweit ging es ganz gut. Wir haben rund 6000 Yen bezahlt, was ca. 48 € entspricht. Das war es allemal wert, denn wir hatten letztlich null Böcke, unsere sechs Gepäckstücke bei der Hitze mit den Öffis durch die halbe Stadt zu transportieren.

Bei Lisa und Daniel gab es ein richtig schönes und gemütliches Frühstück mit Avocado, Pfannkuchen, Obstsalat, Brot und und und. Tina war natürlich auch dabei. Nach dem Essen sind Tina und ich zu Henning spaziert, um seine Bude zu besichtigen. Er wohnt in einem großen Haus mit ein paar Appartments, die möbliert vermietet werden. Ich hatte die zwar auch gesehen, mich dann aber dagegen entschieden. Zu dritt sind wir losgezogen, um einen Inkan zu bestellen. Ein Inkan oder Hanku ist ein Stempel, der die Unterschrift darstellt. Eigentlich brauchen wir ihn eher nicht, aber ich finde es witzig, einen zu haben. Damit er rechtskräftig eingesetzt werden kann, zum Beispiel bei einem Haus- oder Autokauf (beides nicht mein Ziel), muss er zudem registriert werden. Mir war der Hanku aber zu teuer, deswegen muss ich nochmal nach einer günstigeren Variante suchen. Erstmal Kaffeepause!

Anschließend haben wir bei BIC CAMERA, einer Art Media Markt in schrill und laut (O-Ton Lisa), eine SIM-Card gesucht. Lustiges Erlebnis, weil mal wieder keiner Englisch sprach. Während Henning nach Reiskocher und Kaffeemaschine suchte, standen Tina und ich völlig planlos rum, bis ein Mitarbeiter kam. Ich holte mein Handy raus und zeigte auf die SIM-Card. Keine richtige Reaktion. Der Mitarbeiter versuchte, mit Händen und Füßen anzudeuten, dass er kurz los geht und Hilfe holt oder so. Keine Ahnung. Zwanzig Sekunden später der nächste Mitarbeiter. Gleiches Spektakel. Wieder verschwindet der Typ und kommt kurz darauf mit seinem I-Pad wieder. Mit Google-Translate hat es irgendwie funktioniert, sich zu verständigen. Währenddessen kam der andere Mitarbeiter zurück und war vermutlich „traurig“, dass wir jetzt von jemand anderem bedient wurden. 😀 Ich wollte ja eigentlich nur wissen, wo die SIM-Cards hängen, und mir eine nehmen. Egal, der Typ hat uns dann zwei Meter weiter geführt und uns die SIM-Cards gezeigt. Letztlich hat alles funktioniert, aber es war mega seltsam für mich, weil alles so umständlich erschien.

Nach dem Technik-Erlebnis der besonderen Art, sind wir zu Daiso, einem 100-Yen-Shop, weitergezogen, wo Henning sich mit Geschirr ausstatten konnte. Ich habe mich zurückgehalten, weil ich jetzt nicht direkt 10000 schöne Sachen kaufen will, die ich dann rumtragen muss. Seid also ruhig stolz auf mich! 🙂

Tina und ich fuhren im Anschluss direkt nach Shibuya! Ich war so aufgeregt, Tokio das erste Mal zu sehen. Überhaupt kenne ich Japan ja nur aus Büchern, Filmen und Serien, Dokus und Erzählungen. Also ein phantastisches Erlebnis. Shibuya Crossing mit den vielen Zebrastreifen, den Lichtern und Reklametafeln, WAHNSINN! Ein bisschen wie der Times-Square in New York, nur krasser. Und leiser, weil hier hauptsächlich E-Autos herumfahren. Tina hat uns ein kleines Restaurant organisiert, wo erstmal Fieber gemessen wurde. Wir wurden darauf aufmerksam gemacht, dass wir nur eine Stunde Zeit hätten, um zu essen. Das Essen war aber köstlich! Unfassbar, wie lecker roher Fisch sein kann! Zum Schluss haben wir noch ein Bierchen in einer recht studentischen Bar getrunken, bevor wir dann wieder nach Eda gefahren sind. Ein rundum schöner, verrückter Tag!

Am Montag waren Lisa, Tina und ich um 12 Uhr in der Nähe der Schule zum Mittagessen verabredet. Danach sind wir gemeinsam durch einen richtig schönen Park zur Schule spaziert, wo ich ungeplanterweise meine Schlüssel direkt holen und meinen Lateinkollegen Martin kennenlernen konnte. Wir haben einen Latein-Raum an der Schule, die Bücher habe ich auch schon erhalten. Meinen Platz im Lehrerzimmer finde ich klasse, direkt an der Terrassentür – genau mein Ding! 🙂 Um 14 Uhr hatte ich den ersten Makler-Termin. Suzuki-san, mein Makler, war sehr freundlich, aber eine ganze Weile sehr unkommunikativ. Das hat sich dann aber geändert. Tina hat mich zum Glück auch begleitet und wir haben haben ein Plastik-Häuschen (gar nicht meins!) und zwei Wohnungen besichtigt, von denen eine ganz schön war. Nur leider ein bisschen zu nahe an der Schule. Mal sehen… Ich brauche halt dringend eine Wohnung, weil ich ohne Wohnung nichts Anderes erledigen kann, wie Handynummer oder Bankkonto. Abends haben Lisa und ich uns mit Daniel in Futako-tamagawa am Fluss zu Bierchen und Snacks getroffen und den Sonnenuntergang angeschaut. Daniel macht übrigens gerade einen japanischen Kalligraphie-Kurs (Shodo), ich durfte schon seine Kunstwerke verwenden.

Am Dienstag nach dem Frühstück hat jeder hier ein bisschen vor sich hin gelesen und gearbeitet, bis Lisa und ich am Nachmittag nach Tama-plaza gefahren sind. Dort gibt es richtig schöne Geschäfte und auch einen total guten Bäcker, wo wir uns direkt was zu Essen organisieren konnten. Ich musste noch ein Geschenk für unsere Welcome-Party beim Schulleiter besorgen und habe lustigerweise einen Frankenwein im Bocksbeutel ergattert. Ist zwar ein Rotwein, aber authentisch und aus Kitzingen. Anschließend sind Lisa und ich zu Henning gefahren, wo wir einen schönen Abend bei Lemon-Sour und Baguette mit Käse verbracht haben. So langsam fühlt es sich auch nach Ankommen an.

Am Mittwoch besuchten wir das Yokohama Museum of Art, weil grade die Triennale läuft. „Afterglow“ lautet der Titel, die Ausstellung ist eine der ersten Triennalen während der Corona-Zeit und die künstlerische Leitung hat die indische Künstlergruppe „Raqs Media Collective“. Sehr beeindruckende Kunstwerke! Im PLOT48, einer anderen Location, war der zweite Teil von „Afterglow“ zu sehen, der auch superinteressant gestaltet war. Der Schrimp-Fetisch spielte hier eine große Rolle, im ersten Teil ging es vor allem auch um die verbindende Rolle der Kunst während der Krise. Nach dem ausgiebigen Kulturprogramm wollten wir eine Dachterrasse suchen, um den Sonnenuntergang zu betrachten, sind aber völlig verloren von einem Stockwerk zum nächsten gefahren und haben das schicke Hotel bewundert. In der Zwischenzeit wurde schon wieder dunkel, also nichts mit Sonnenuntergang. Also haben Daniel, Lisa und ich im Ramen-Museum noch lecker gegessen. Der Tag war fabelhaft! Allein der Weg zum Museum war phantastisch, ich bin begeistert!

Am Donnerstag durften wir „Neuen“ unser erstes Gehalt in der Verwaltung abholen – einen Umschlag mit Bargeld. Ich hab noch nie so viel Geld in der Hand gehalten! Echt verrückt. Vor allem bin ich den ganzen Tag mit diesem fetten Umschlag rumgelaufen. Sehr befremdlich. Um 11 Uhr hatte ich die zweite Besichtigungsrunde mit Suzuki-san. Er hat mir wirklich hässliche, sehr dunkle Wohnungen gezeigt. Eine war zudem so verdreckt und die Tapete so versifft, dass Tina und ich rückwärts wieder raus wollten. O-Ton Tina: „Das sieht aus, als wäre jemand explodiert.“ Wirklich schade. Allerdings hatte er anschließend noch ein Ass im Ärmel. Wenn alles klappt, dann habe ich tatsächlich bald eine Wohnung. Ich bin ein bisschen aufgeregt, weil es dort so schön war! Nach einer kurzen Kaffeepause musste ich nachmittags noch mein E-Mail Postfach entsperren lassen, weil ich irgendetwas Böses angeklickt habe. So dumm, ey… 😀 Weil das noch nicht stressig genug war, musste ich auch noch holterdipolter meine Möbel, die ich von einer ehemaligen Kollegin gekauft hatte, vom ersten Stock in die Tiefgarage bringen, weil bis zum Schulbeginn die Sachen verräumt sein müssen. Leider war ich alleine nicht in der Lage, alles zu tragen, weil Kühlschrank und Waschmaschine doch ein bisschen sperrig sind. Den Kleinkram habe ich dann mit Peters Hilfe in die Garage getragen. Als Dankeschön hab ich uns Bier geholt, wir sind zu Peter, Anna und Ferdinand spaziert und haben spontan einen sehr gemütlichen Nachmittag in ihrem sehr schönen Häuschen verbracht. Auf dem Rückweg habe ich an einem kleinen Stand sehr günstig Gemüse aus einem der umliegenden Gärten gekauft, Lisa hat uns was daraus gekocht. Abends war ich bei Henning zum Abhängen und Quatschen.

Am Freitag war ich um 10 Uhr mit Peter an der Schule verabredet, um die schweren Sachen noch in die Garage zu stellen. Das hat gut funktioniert, weil wir einen Sackkarren auftreiben und den Aufzug nutzen konnten. Schweißtreibende Angelegenheit. Kurzes Mittagessen mit Peter und dann auch schon wieder an die Schule, weil wir einige Einweisungen auf der Agenda hatten. Die Schulleitung hat das alles abgekürzt, weil Daniella sich noch ein bisschen einarbeiten muss, was aber für uns alle überhaupt kein Problem darstellte. Die IT-Einweisung war etwas langatmig. Ich kann mir ohnehin das alles nicht merken und werde sicher noch 1000 Mal nachfragen. Danach schnell heim, duschen und fertigmachen für die Welcome-Party bei unserem Schulleiter und dessen Frau. Sie leben in Tokio in einer richtig schönen Wohnung mit Blick auf den Tokyo Tower in der Ferne. Wir kamen uns vor wie in einem Hotel, unten saß eine sehr freundliche Empfangsdame, die uns zur Klingel geleitete. Richtig edel alles. Ich habe hier übrigens ständig das Gefühl, ich spiele in einem Film mit… Unser Schulleiter bot uns direkt das „Du“ an. Von Anfang an waren die Stimmung und das Miteinander – auch an der Schule – sehr familiär und herzlich! Melanie hatte für uns superleckere japanische Häppchen zubereitet und es gab von allem reichlich, auch Getränke natürlich! 🙂 Der Abend war wirklich schön, ich konnte mich mit allen unterhalten und alle ein bisschen kennenlernen. Gute Gespräche den ganzen Abend lang! Ich freu mich sehr auf das neue Schuljahr, nächste Woche geht es schon los!

Keine Sorge, ich beschreibe übrigens nicht jeden Tag so detailliert, musste das aber mal für mich so festhalten (wen es interessiert, gut, wen nicht, auch gut!) – die Woche war so voller Eindrücke, dass ich sie gar nicht verarbeiten kann. Im Alltag wird das alles aber nicht so sein…

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